Die Bauwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Die Zeiten stetigen Wachstums sind vorbei.
"Die Kräne drehen sich noch, aber sie werden stillstehen",
sagte Jörg Dittrich der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks bei Maybrit Illner im ZDF.
Materialkosten und Bauzinsen sind gestiegen und stellen Projektentwickler, aber auch private Bauherren vor enorme finanzielle Belastungen. In diesem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, warum kleine Handwerksbetriebe in der Baukrise möglicherweise besser aufgestellt sind als größere Unternehmen.
Die aktuelle Situation in der Bauindustrie
Das Bauhauptgewerbe verzeichnete im Jahr 2022 einen realen Umsatzrückgang von 5,1 Prozent. Hohe Baupreise, gestiegene Finanzierungskosten und eine zunehmende Verunsicherung bei Investoren haben zu dieser negativen Entwicklung beigetragen. Es scheint, als ob die fetten Jahre am Bau vorbei wären und Unternehmen nun mit einer schwierigen Phase konfrontiert werden. Von dieser Situation betroffen sind insbesondere größere Bauunternehmen, die über weniger finanzielle Flexibilität verfügen. Aber auch kleine Unternehmen könnten zu spüren bekommen, dass die Auftragsbücher nicht mehr voll sind.
Die Stärken von kleinen Allround-Unternehmen
Im Gegensatz zu größeren Unternehmen haben kleine Handwerker bestimmte Vorteile, die ihnen helfen können, die Baukrise besser zu bewältigen. Eine Studie mit dem Titel "Kleinhandwerk & Generalisten am Bau 2023" zeigt, dass viele Betriebe mit weniger als fünf Mitarbeitern bislang vergleichsweise unbeschadet durch das Jahr gekommen sind. Aber warum ist das so?
Weniger Stornierungen und volle Auftragsbücher
Im Vergleich zu größeren Baufirmen wurden bei Kleinbetrieben nur wenige Aufträge von den Auftraggebern storniert. Während Projektentwickler lange Vorlaufzeiten haben, wollen Privatkunden Projekte sobald wie möglich beginnen. Über alle Gewerke des Bauhandwerks hinweg lag die Stornierungsquote bei den Kleinbetrieben bei nur 5,2 Prozent. Besonders gering war die Quote bei Elektro- und SHK-Installateuren mit nur 3,3 bzw. 4,1 Prozent. Diese niedrigen Stornierungsraten und deuten darauf hin, dass die Auftragsbücher der kleinen Betriebe weiterhin gut gefüllt sind.
Fokus auf Sanierung und Modernisierung
Ein Grund dafür, dass kleine Handwerksbetriebe weniger von der Baukrise betroffen sind, liegt darin, dass sie häufig einen Großteil ihres Umsatzes mit Sanierungs- und Modernisierungsprojekten erzielen. Im Gegensatz zu größeren Bauunternehmen, die sich oft auf den Neubau konzentrieren, sind kleine Handwerker breiter aufgestellt und bieten eine Vielzahl von Dienstleistungen an. Diese Tätigkeiten machen im Durchschnitt sogar zwei Drittel des gesamten Auftragsbestandes aus. Kleinere Aufträge im Bereich Sanierung und Modernisierung werden auch in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit vergeben, da sie weniger kostspielig und häufiger unumgänglich sind als Neubauprojekte.
Hohe Flexibilität und schlanke Strukturen
Ein weiterer Vorteil von kleinen Handwerksbetrieben liegt in ihrer hohen Flexibilität und den schlanken Unternehmensstrukturen. Dadurch sind sie in der Lage, schnell auf veränderte Marktbedingungen zu reagieren und ihre Leistungen anzupassen. Unternehmen, die über ihr Kerngeschäft hinaus zusätzliche Dienstleistungen anbieten können, haben in der aktuellen angespannten Situation einen klaren Wettbewerbsvorteil. Die Fähigkeit, sich breit aufzustellen und unterschiedliche Aufträge anzunehmen, trägt dazu bei, die Auswirkungen der Baukrise abzumildern.
Herausforderungen für kleine Handwerker
Obwohl kleine Betriebe besser auf die Baukrise vorbereitet sein können als größere Unternehmen, stehen auch sie vor einigen Herausforderungen. Eine der größten Herausforderungen ist der Anstieg der Materialkosten. In den letzten Monaten sind die Preise für Baumaterialien erheblich gestiegen, was die Gewinnmargen der Unternehmen belastet. Kleinere Betriebe können aufgrund begrenzter Ressourcen möglicherweise nicht so schnell wie größere Unternehmen auf den Materialpreisanstieg reagieren.
Was derzeit nicht mehr als Problem erscheint, ist die Materialknappheit. Die Großhändler haben die Lager wieder voll und nur in den seltensten Fällen Lieferprobleme.
Fazit
Kleine Allround-Unternehmen sind in der Baukrise möglicherweise besser positioniert als ihre größeren Konkurrenten. Ihre Fähigkeit, flexibel zu agieren, sich breit aufzustellen und unterschiedliche Aufträge anzunehmen, ermöglicht es ihnen, die Auswirkungen der Baukrise abzumildern. Trotzdem stehen auch sie vor Herausforderungen wie dem Anstieg der Materialkosten. Es wird wichtig sein, dass die Politik diese Unternehmen unterstützt und Maßnahmen ergreift, um die Bauindustrie insgesamt zu stärken. Nur durch gemeinsame Anstrengungen können wir die Baukrise bewältigen und die Baubranche langfristig wieder auf Wachstumskurs bringen.